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Quantum im Stadtentwicklungsauschuss, 2. Teil: Der Offenbarungseid

Am 2. September2026  beantwortete Frank Gerhard Schmidt vom Investor Quantum nach der Sommerpause erneut Fragen zum Planungsstand im Stadtentwicklungsausschuss Altona. Sein Vortrag geriet dabei zum Offenbarungseid. Im Ergebnis: Der Sozialwohnungsbau weist eine erhebliche Schieflage auf. Das Holstenquartier wird mit 540 Einwohner*innen/ha doppelt so dicht besiedelt wie die Mitte Altona. Eine entsprechende soziale Infrastruktur und Räume für Jugendliche und andere Altersklassen sind nicht erkennbar. Das Quartierszentrum wird flächenmäßig halbiert. Der Juliusturm, ein wesentlicher Bestandteil der historischen Altbauten, wird abgerissen und durch einen Hotelturm ersetzt. Die öffentliche Grünfläche ist viel zu klein. Klimafreundliche Bauweise und Klimafolgenanpassung bleiben unter Missachtung des Zukunftsentscheids auf der Strecke.

Beim jetzigen Stand der Dinge wird so kein zukunftsfähiges Quartier für die nächsten Jahrzehnte entstehen. Und als genereller Eindruck drängt sich auf: Quantum diktiert und marschiert durch, die Politik schaut tatenlos zu, eine Öffentlichkeitsbeteiligung findet nicht statt.

Nach den Erfahrungen der letzten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses hatten u.a. Mitglieder unserer Initiative diesmal vorab schriftlich Fragen eingereicht. Aber auch diesmal gab es in der von der Ausschussvorsitzenden Gesche Boehlich (Grüne) gewohnt autoritär geleiteten Sitzung keine Gelegenheit zu mündlich vorgetragenen Fragen. Selbst die Fraktionen der im Ausschuss vertretenen Parteien durften jeweils nur ein kurzes Statement abgeben, was diese mehrheitlich mit erstaunlichem Gleichmut hinnahmen.

Frank Gerhard Schmidt von Quantum beantwortete im Rahmen der auf 15 Minuten begrenzten Öffentlichen Fragestunde einen der eingereichten Fragenkataloge. Die Antwort auf weitere eingereichte Fragen soll schriftlich erfolgen. Dies ist bis heute allerdings nicht geschehen. Einen Teil der Fragen und die Antworten von Quantum dokumentieren wir hier als PDF. Wie ein ambitionierter Kriterienkatalog aussehen könnte, zeigt eine Liste der Architekturabsolvent*innen Julia Makowka und Sophie Lin von der TU München, die im April 2025 einen mustergültigen Alternativplan für das Holstenquartier vorgelegt hatten. Wir empfehlen ihn ausdrücklich zur Lektüre.

Im Anschluss an Frank Gerhard Schmidt stellte Julia Stege von Quantum in einer Blitzpräsentation anhand eines Dias den baulichen Entwurf des sog. Holstenhofs, also des zukünftigen Quartierszentrums inkl. Neubau Juliusturm, vor (siehe Foto oben).

Aus den bislang vorliegenden Antworten ergibt sich folgendes Bild:

Bezahlbarer Wohnraum:
Es sollen 2.000 Wohnungen für 4.700 Menschen auf 185.000 qm BGF gebaut werden. 50 Prozent der Wohnungen sollen im geförderten Wohnungsbau errichtet werden. 900 davon sollen von der SAGA verwaltet werden, zur Hälfte von ihr selbst gebaut, zur Hälfte von Quantum schlüsselfertig zu einem unbekannten Preis übergeben. Hinzu kommt ein Teil der 250 geplanten Wohnungen für Studierende. Der Anteil der WA-gebundenen Wohnungen für Menschen mit Dringlichkeitsschein soll 15 Prozent betragen, diese werden im geförderten Bereich errichtet.

Erscheinen 50 Prozent geförderte Wohnungen auf den ersten Blick im Vergleich zum früheren Drittelmix als Fortschritt, erweist sich dies bei genauerem Hinsehen mit Blick auf die Verteilung auf die Förderwege als trügerisch. Denn 50 % dieser Wohnungen sollen im erst 2024 eingeführten 3. Förderweg für Besserverdienende errichtet werden, 20 % im 2. und nur 30 % im 1. Förderweg. Nach den realen Anspruchsvoraussetzungen der Hamburger Bevölkerung (Stand: August 2026, Quelle: Senat) wäre die proportionale Verteilung aber (bezogen auf 63 % förderberechtigte Hamburger Haushalte) 55,6 % 1. Förderweg (= 35 % der Haushalte), 22,2 % 2. Förderweg (= zusätzliche 14 % der Haushalte) und ebenfalls 22,2 % (= zusätzliche 14 % der Haushalte) 3. Förderweg.

Nun ist gegen einen zusätzlichen Förderweg für Besserverdienende grundsätzlich nichts einzuwenden, WENN dieser zusätzlich und nicht auf Kosten der geförderten Wohnungen für Menschen mit geringerem Einkommen umgesetzt wird, die dringend auf eine bezahlbare Wohnung angewiesen sind. Genau dies ist hier aber der Fall. Nur 25 % der Wohnungen werden im 1. und 2. Förderweg errichtet, also ein Rückschritt gegenüber dem Drittelmix vor Einführung des 3. Förderweges. Die Zahl der klassischen Sozialwohnungen (1. Förderweg) beträgt 300 von 2.000 Wohnungen, also nur 15 Prozent.

Hinzu kommt, dass der Großteil der Sozialwohnungen an den Bahngleisen gebaut werden soll. Diese dienen dann faktisch als Schallschutz für die höherwertigen Wohnungen im Süden des Quartiers. Eine inklusive und sozialräumlich gerechte Verteilung des Wohnungsbestandes sieht anders aus!

Erhalt der historischen Altbauten:
Ein echter Klopper: Entgegen früheren Beteuerungen wird der Juliusturm, ein wesentlicher Teil des historischen Gebäudeensembles, nun – genauso wie die verbliebenen Hallen an den Bahngleisen – doch abgerissen und durch den Neubau eines 15-stöckigen Hotelturms ersetzt. Dies ist aus unserer Sicht weder aus ökologischen noch aus Gründen eines historisch reflektierten Denkmalschutzes zu rechtfertigen. Siehe zu dem Thema auch unsere frühere, gemeinsam mit dem Denkmalverein verfasste Petition.

Quartierszentrum:
Im städtebaulichen Vertragsentwurf von 2021 war für Sudhaus und Malzsilo ein Quartierszentrum mit »einem innovativen Nutzungsmix aus Kultur, Bildung, Sport etc. auf über 4.000 qm, die Überlassung der Gebäude für 1 EUR und 4 Mio. EUR Kostenbeteiligung durch den Investor sowie die Realisierung durch die FHH (SpriG)« vorgesehen. Laut Quantum sei dieses von der steg entwickelte Konzept »nie tragfähig« gewesen. Gegenüber der alten Planung wird die zur Verfügung stehende Fläche nun auf 2.000 qm halbiert. Das Zentrum wird nicht mehr von der Stadt, sondern von Quantum entwickelt. Der Nutzungsmix ist ungewiss. Dringend benötigte Räume für Jugendliche und andere Altersklassen stehen in den Sternen. Gemessen an den realen Bedarfen und selbst der alten Planung, auf die der Bezirk einst so stolz war, ein Desaster! Zudem soll es, ganz der antidemokratischen Idee von Stadtentwicklung von Quantum entsprechend (siehe Podcast mit Frank Gerhard Schmidt beim Abendblatt), keine Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Ermittlung der gewünschten Nutzungen des Quartierszentrums geben.

Baugemeinschaften:
Auch Baugemeinschaften, zu denen sich Politiker*innen fast aller Parteien »als Anker einer solidarischen Stadtentwicklung« bekannt haben und die im städtebaulichen Vertragsentwurf von 2021 noch 20 Prozent der Wohnungen ausmachen sollten, sind nach wie vor nicht gesichert. Laut Quantum sei man mit einer Genossenschaft im Gespräch, es gehe dabei um zwei Baugemeinschaften auf dem Baufeld des zukünftigen Büttnerquartiers. Die Verhandlungen würden laufen, das Ergebnis sei aber offen. Auch hier unser Appell an die verantwortlichen Politiker*innen, ihre Versprechen einzulösen und vertraglich zu verankern.

Besiedlungsdichte und öffentliche Grünfläche:
Das zukünftige Holstenquartier wird nach den vorliegenden Plänen eine doppelt so hohe Besiedlungsdichte wie die Mitte Altona aufweisen (Neuplanung ca. 540 Einw./ha gegenüber der alten Planung von 290 Einw./ha; zum Vergleich Mitte Altona: 270 Einw./ha). Die Parkfläche wird gegenüber der alten Planung hingegen noch mal von 10.000 auf 8.000 qm verkleinert und ist viel zu klein. Von dem im Landschaftsprogramm Hamburg empfohlenen 6 qm pro Einwohner*in ist die Planung meilenweit entfernt. Laut Quantum wurde dies von der BUKEA (Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft) unbegreiflicherweise dennoch abgenickt.

Angesichts des Klimawandels und der Anforderungen der Klimafolgenanpassung, die die vergangene Hitzewelle dieses Sommers mit ihren zahlreichen Toten noch einmal dramatisch verdeutlicht hat, ist das eine politisch unverantwortliche Unterlassung, die mit dem Gebot der Herstellung gesunder Wohnverhältnisse kaum zu vereinbaren ist. Schon jetzt ist es in den Hitzespitzen des Hochsommers in Altona-Nord acht Grad heißer als z.B. in Blankenese.

Holstenquartier, Klima & Zukunftsentscheid:
Es ist für uns nicht erkennbar, dass die Neuplanung des Holstenquartiers konsequent einer durch den Zukunftsentscheid verbindlich gemachten Klimaprüfung unterzogen wurde. Die Aussagen, die dazu bislang vorliegen, sind mehr als dünn! Es gibt keine befriedigenden und belastbaren Angaben dazu, wie Hitzeschutz, ausreichende Durchlüftung, Regenwasserretention und Klimafolgenanpassung so konsequent mitgedacht und umgesetzt werden sollen, dass das Quartier in den folgenden Jahrzehnten, in denen sich die Klimakrise weiter verschärfen wird, wirklich zukunftsfähig und auch für vulnerable Gruppen bewohnbar sein wird. Gerade in einer entscheidenden Zukunftsfrage also bleibt die Neuplanung die Antworten schuldig.

Dazu passt, dass als Preis für das oberirdisch autofreie Quartier sämtliche Baufelder zu 100 Prozent mit Tiefgaragen, die allein 30 Prozent der CO2-Emissionen beim Bau ausmachen, unterkellert werden sollen. Dies ist aus unserer Sicht klimapolitisch nicht auf der Höhe der Zeit und kaum zu verantworten, wenn Hamburg seine Klimabilanz verbessern will.

Soziale Infrastruktur und kleinteiliges, stadtteilbezogenes Gewerbe:
Auch bei der sozialen und kulturellen Infrastruktur und Räumen zu bezahlbaren Mieten für kleinteiliges, stadtteilbezogenes Gewerbe – vorzugsweise in den Erdgeschossflächen –, die essentiell sind, um ein lebendiges und gut versorgtes Quartier zu ermöglichen, sehen wir vor allem Leerstellen. Gerne wird hier kompensatorisch auf entsprechende Einrichtungen im umgebenden Stadtteil verwiesen, obwohl hier – auch in der Problem- und Potentialanalyse des RISE-Programms für Altona-Nord – eher Defizite festgestellt wurden, die sich mit der bisherigen Planung für das neue Quartier weiter verschärfen werden.

In der Gesamtschau ergibt sich aus unserer Sicht ein alarmierendes Bild: Bleibt es beim jetzigen Stand der Planung, wird das zukünftige Holstenquartier weder sozial noch klimagerecht, noch zukunftsfähig sein. Wir appellieren deshalb erneut eindringlich an das Verantwortungsbewusstsein der demokratischen Parteien, ihren Gestaltungsauftrag im Sinne einer sozialen und solidarischen Stadt wahrzunehmen. Dies ist im Übrigen auch das beste Gegenmittel gegen reaktionäre und autoritäre Antworten auf die soziale und Wohnungskrise.

Es bleibt viel zu tun, aber nicht mehr viel Zeit. Die nächsten Wochen und wenigen Monate, die noch zur Verfügung stehen, müssen genutzt werden, um doch noch Einfluss auf die verantwortlichen Politiker*innen und Parteien und damit auf die Ausgestaltung des städtebaulichen Vertrags und Bebauungsplans zu nehmen, um die politische Lethargie und Investorenhörigkeit zu durchbrechen. Nur so können die Dinge zum Besseren gewendet und die verbliebenen Gestaltungsspielräume bestmöglich genutzt werden.